
Silvesterspaziergang
André Zimmermann geht mit dem Klingelschröder ein letztes Mal durch Malchow im Jahr 2025
Ich bin ein wenig aufgeregt. Ich treffe mich gleich mit einer Malchower Ikone. Aber es ist ruhig um ihn geworden. Als wir uns verabredet haben, meinte er „er wolle eigentlich nichts mehr sagen. Reden tun ja mittlerweile alle über alles. Jeder kommentiert die große Politik und will es besser wissen. Wen interessiere da noch, was vor der Tür geschieht.“
Aber er hat doch zugesagt. Silvester um 8Uhr wollten wir uns treffen. Ich wollte ihn zum Kaffee einladen, aber er meint beim Bäcker am Fachmarktzentrum sitzen schon genug, die täglich „dössbaddliches tüch vertellen“
Nun ist es 8:07Uhr und da kommt er. Wir treffen uns auf der Insel. Der Schnee hätte ihn leicht aufgehalten, aber auf die Jungs vom Hausmeisterservice wäre verlass.
So beginnen wir unseren heutigen Spaziergang durch unsere Stadt. Vorbei an Firmen, Baustellen und Orten, zu denen es das ein oder andere zu sagen gibt. Man muss dem Klingelschröder schon vor ab verzeihen und nicht alles auf die Goldwaage legen. „Es schon schlimm, wie nachtragend einige sind“ meint er. „Viele grüßen bis heute nicht, nur weil das vorgehaltene Spiegelbild zu übertrieben ans Ego kratzte“. Aber so ist er und bleibt er. Der Klingelschröder.
Auf geht´s:
Er geht ein letztes Mal im Jahr 2025 durch Malchow. So wie er es immer getan hat. Nicht feierlich, nicht empört, sondern aufmerksam.
Er liest vor, was liegen geblieben ist, was versprochen wurde und was sich im Laufe eines Jahres so ansammelt, wenn Verwaltung und Wirklichkeit unterschiedliche Wege nehmen.
Silvester ist dafür ein geeigneter Zeitpunkt. Der Blick ist frei, der Kalender leer, und irgendwo läuft wieder dieser alte Film, in dem jedes Jahr alles gleich beginnt.
The same procedure as every year.
Im zehnten Amtsjahr des „neuen“ Bürgermeisters war Malchow 2025 auf Kurs. Zumindest offiziell. „Ohnehin kommen die 10 Jahre einen viel weniger vor, gemessen an umgesetzten Versprechen.“ Gebaut wurde das Nötigste. Aber in bunten Excel Tabellen übt man am Alten Markt den großen Wurf. Theoretisch. Die Beethovenstraße ist inzwischen dann doch fertig, andere Projekte wie die Alte Weberei, das Kurhotel oder die Ferienanlage auf dem Kloster mutieren zu Orten der Hoffnung für spätere Generationen. Alles liegt im Plan, heißt es, und wer genauer nachfragt, erfährt, dass der Plan verlegt wurde.
Ein paar Schritte weiter bleibt der Blick an einem Schaufenster mit Werbung der Landlachsmastanlage hängen. „Auch so eine tolle Idee 50 Tonnen Lachs pro Tag aus Malchow“, was von der Idee schon fertig ist: ein Briefkasten auf der Insel der seltener geleert wird, als die Kleidercontainer in der Stadt.
Ganz anders unsere Schulen. Hier funktioniert die Stadt. Unaufgeregt, ohne große Worte. Lehrerinnen und Lehrer, Schulleitungen, Schülerinnen und Schüler leisten Tag für Tag gute Arbeit, ohne dafür Applaus einzufordern. Während anderswo geplant, geprüft und vertagt wird, entsteht hier Bildung. Still, wirksam und erstaunlich stabil. Der Klingelschröder vermerkt das. Lob ist selten, aber an dieser Stelle angebracht. „Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut!“ so stehts an der Goetheschule, weiter heißt es in Goethes Text „Der edle Mensch Sei hilfreich und gut!“ und so kommen wir zur Feuerwehr.
Sie gehört zu den Konstanten unserer Stadt. Ehrenamtlich, verlässlich, immer da, wenn andere noch Zuständigkeiten klären. Hier wird geholfen, nicht diskutiert. Dass diese Arbeit mehr Unterstützung verdient hätte, ist keine satirische Spitze, sondern eine schlichte Feststellung, die man im Rathaus ruhig einmal länger wirken lassen könnte.
Weniger glücklich verlief das Kapitel Landesfeuerwehrschule bis jetzt. Groß angekündigt, selbstbewusst bepreist, begleitet von mahnenden Stimmen, die auf die Beschaffenheit des Bodens hinwiesen. Gehört wurde wenig. Am Ende stellte sich heraus, dass der Boden tatsächlich ungeeignet war und das Grundstück verschenkt werden musste. Die im Rathaus bereits gedanklich ausgegebenen Millioneneinnahmen wurden als weiteres Lehrgeld wieder ausgebucht. Nach 10 Jahren im Amt ist bestimmt auch hier noch immer der „alte“ Bürgermeister Schuld, der mittlerweile seine Frau als politische Gegeninstanz vom heimischen Küchentisch aus unterstützt.
Wir wärmen uns erstmal auf… geht es nach dem Mittag…
Weiter geht es zu den Stadtwerken. Ein kommunaler Eigenbetrieb und eigentlich ausreichend für die Aufgaben vor Ort. 2025 kam dennoch eine neue Konstruktion hinzu: die Stadtwerke Malchow GmbH. Noch immer leer, aber 2025 gegründet und im Handelsregister eingetragen. Der Werkleiter trägt nun neben seinem Doktortitel zusätzlich die Bezeichnung Geschäftsführer dieser noch geschäftslosen Gesellschaft. „Zwei Lohnzettel sind bekanntlich besser als keiner, vielleicht reichts im neuen Jahr so für einen ordentlichen Anzug, der dann auch den Rücken endlich mal gerader wirken lässt, so wie es sich für einen Chef gehört.“
In der Eishalle wurde es derweil kalt. Die neue Kältemaschine wurde feierlich in Betrieb genommen, Zukunftsfähigkeit beschworen, Hände geschüttelt. Das Geld war da, nun nicht mehr. Die Maschine steht, die Rechnung auch. Bezahlt werden kann sie bislang nicht. Informiert wurde darüber im nichtöffentlichen Teil. Transparenz friert in Malchow oft schneller ein als Wasser. Und anstatt sich um die Lösung der Probleme zu kümmern, ist die größte Frage im Rathaus „wie kam die Top Secret Meldung“ ans Licht. Das ist ja auch leichter, als zu fragen, *wie kann ein Verein auf so eine Größe wachsen, dass dieser mit 588.310€ über 3% des gesamten Ergebnisetats der Stadt frisst, ohne feste Kontrollinstanzen zu installieren.* Ok, die Stadt selbst plant mit über 1,3 Millionen Euro Verlust, um die laufenden Kosten zu decken. „Man munkelt, dass Bürgermeister und KSR Geschäftsführer einen Wettbewerb austragen, wer die tollere Excel Tabelle mit rosigen Zukunftsannahmen führt, um die ganzen Mehrausgaben sich selbst und anderen zu verkaufen.“
Politisch blieb es hingegen weiter ruhig. Vielleicht zu ruhig. Aus der Werleburg hört man selten laute Töne, außer aus der Musikschule. Vorbei die Zeiten, in den übermäßig debattiert wird. Auch das blaue Wunder vom rechten Rand hat außer ein paar lauwarmen Redebeiträgen kaum einen brauchbaren Antrag eingebracht. Hier schielt man eher nach Schwerin und hofft auf größere Bühnen.
Auf dieser großen Bühne fest etabliert ist mittlerweile Malchows wohl höchste Bürgerin und ehemalige Stadtvertretervorsteherin. Für die bundesweit im Trend liegenden Linken hebt sie weiterhin den mahnenden Finger aus dem Präsidium des Landtages heraus. In Ihrem Wohnort ist ja aber auch links nicht mehr viel los. SPD und Linke zusammen haben kaum noch mehr Mitstreiter, als der Rest des Montagsmeckerzuges, der noch immer wöchentlich den Verkehr hindert.
Im Rathaus hingegen hatte man zwischenzeitlich gehofft, dass diese Ruhe auch anderswo hält. Man hoffte der eine oder andere ehemalige Kommunalpolitiker habe sich dauerhaft zum Golfen zurückgezogen. Das feierten die Hobby-Klingelschröder 2024 sogar groß in ihrer damals schon harmlosen Volksfestrede. Ein Blick in den Schaukasten verrät jedoch anderes. Manche verlassen die Politik, aber nicht den Diskurs.
Und dann gab es auch unser Volksfest. Nummer eins der Region, immaterielles Kulturerbe, Herz der Stadt. Hier funktioniert Malchow, weil es lebt und nicht verwaltet wird. Der Klingelschröder hätte hier gerne gesprochen. Stattdessen traten Darsteller auf. Kostümiert, abgesichert, ohne Risiko und zu den Klängen der Backstreet Boys tanzend. Wenn Verwaltung Satire spielt, bleibt am Ende meist nur die Fußnote.
Weiter geht der Weg, vorbei an der Wohnungsbaugesellschaft. Viel gibt es hier nicht zu berichten. Es wurde wenigstens kein Plattenbau zurückgebaut, das ist ja schonmal viel wert. Erwähnenswert ist vor allem, dass die Geschäftsführerin einen neuen Dienstwagen erhalten hat. Eine Erleichterung für die Belegschaft, die offenbar das ganze Jahr über Sorge hatte, man müsse sie sonst ganzjährig wie Cleopatra durch die Stadt tragen – so wie beim Volksfestumzug.
Gegenüber der Wohnungsbaugesellschaft ist ein mutiges Wohnquartier im ehemaligen Kleiderwerk entstanden. Es bleibt zu hoffen, dass es auch fertiggestellt wird. Aber alleine für das Anfangen sollte man Respekt zeigen, statt kopfschüttelnd aus dem WOBAU Bürofenster zu gieren. An der Fassade der ganzen neuen Wohnungen hätte nämlich auch ein WOBAU Schild hängen KÖNNEN, andere sagen MÜSSEN, jedoch dafür braucht es eben Mut statt mangelnder Dynamik.
Am Wasser angekommen zeigt sich Malchow von seiner investitionsfreudigen Seite. Ein neuer Schiffsanleger an der Rehaklinik ist fertiggestellt worden. Das freut viele: Gäste, Klinikdirektoren, Reeder und jene, die gern anlegen. Besonders gut angekommen ist der Anleger offenbar auch im privaten Umfeld des Bürgermeisters. An der Wohnanschrift soll die Fertigstellung über den Gartenzaun hinweg mit den Nachbarn begossen worden sein. Praktisch, wenn der größte Binnenreeder gleich nebenan wohnt. Kurze Wege sind schließlich ein Markenzeichen moderner Kommunalpolitik.
Grundsätzlich, das muss man sagen, wird Bürgerfreundlichkeit in Malchow aber großgeschrieben. Bürgeranfragen werden nach Aussage des Bürgermeisters „alle beantwortet“. Das ist beruhigend. Noch schöner wäre es, wenn sie auch bearbeitet würden. Aber man soll die Dinge nicht vermischen. Antwort ist Antwort.
Eventuell sollten ja aber auch Antworten mit der Post verschickt werden, nur der beauftragte Mitarbeiter hat den Postschalter zum versenden nicht gefunden. Mittlerweile hat die Post ja in höchster Kooperation mit ganz oben einen hoffentlich bleibenden Standort gefunden. Jedenfalls so lange, bis das Gebäude samt Discounter abgerissen wird.
Empört zeigte sich der Bürgermeister hingegen über die Ergebnisse des Zensus. Malchow ist schön, toll, sehenswert, aber halt nun doch nicht so GROSS, wie immer behauptet, was sich spürbar auf die Steuerzuweisungen auswirkt. Dagegen klagt die Stadt nun. Während das Verwaltungsgericht in Greifswald prüft, wieviel Einwohner unser Kleinod nun wirklich hat– was erfahrungsgemäß etwas dauern kann – gibt es offenbar Überlegungen, die Zeit sinnvoll zu nutzen und die Geburtenrate anzukurbeln.
In diesem Zusammenhang fällt auf, dass in Malchows öffentlichen Toiletten kaum noch Verhütungsprodukte erhältlich sind. Die Maßnahme wurde so konsequent umgesetzt, dass nicht nur die Vergnügungsmittelautomaten entfernt wurden, sondern das ganze Projekt „ausreichend öffentliche Toiletten“ auf den „noch umzusetzen“ Stapel des Bürgermeisters gelandet ist. Was soll ein Luftkurort auch mit Toiletten im Innenstadtbereich. Rentner, Mütter mit Babys und alle anderen die ihre Notdurft nicht aufschieben können, gehen halt zum Malchower Bürgertreff, auch Stadtbäcker genannt.
Die Geburtenzahlen lassen wohl aber tatsächlich so stark nach, dass die längst überfällige Straßensanierung zur Kita in der Straße der Jugend wieder nicht angegangen wurde. Lohnt ja auch kaum. Stattdessen ist der Alte Kirchhofweg nun gut befahrbar. Das freut alle 3 Anwohner.
Kulinarisch ist nicht so viel passiert. Einzig der etablierte Bratwursttempel am Kreisverkehr hat wohl heute über Nacht das Feld geräumt. Anfangs dachte man noch, jemand hätte seine Kleingartenparzelle ausgemistet und die Reste dort aufgestellt. Aber nein, es ist wurde ein Imbiss für jeden der einen solchen suchte. Mit Dixi Klo und Müllsammelecke im Sichtbereich. Warten wir mal ab, ob wo er wieder auftaucht.
Im Gewerbegebiet hat sich auch so einiges getan. Altbekannte Bauunternehmer haben sich in den verdienten Ruhestand verabschiedet. Andere, aufstrebende Reinigungsunternehmer verabschiedeten sich in Richtung Dubai mit vollen Taschen. Eventuell wurde dafür ja auch ein fliegender Orientteppich genutzt, den es beim Ausverkauf des Teppichcenters gab. Das Kapitel Teppiche aus Malchow ist ja nun auch Geschichte seit diesem Jahr.
Jedoch die Bauarbeiten hatten ihre Wirkung. Die „nur 5 Wochen länger als geplant“ gesperrten Gleise zum Gewerbegebiet sorgten dafür, dass manch örtlicher Händler die Kundschaft vermisste, die den Umweg nur selten in Kauf nahm. Angemerkt sei, dass die neue Anlage so gut funktioniert, dass sie 5 Minuten den Autoverkehr stoppt ohne das ein Zug kommt. Dann öffnet sie wieder für den Verkehr und dann: *kommt ein Zug.* Man ist hier aber dran den Fehler zu beheben. Hoffentlich ohne erneute Sperrzeit.
Der findige Malchower Baumarktbetreiber nutzte diese Phase der Ruhe, um sein Dach zu sanieren. Böse Stimmen behaupten, es sei angehoben worden, weil die Preise dort sonst tatsächlich durch die Decke gehen würden. Belegt ist das nicht.
Durch die Decke gehen auch die Wartezeiten für Autos im Sommer an der Drehbrücke. _Dieses Problem müssen wir angehen. Es muss gelöst werden. Die wichtigste Aufgabe_ … Ach wie oft haben wir Malchower das in 35 Jahren gehört. Auf der Insel selbst passiert kaum etwas. Das Projekt Parkhaus ist genauso abgeschrieben, wie das neue Hotel in der Langen Straße. Aber zur Verkehrsberuhigung will man nun das Pflaster abschleifen.
Man kann gespannt sein, auf das was kommt oder kommen soll.
Nach Einbruch der Dunkelheit fällt aber noch etwas auf. Die Nacht in Malchow ist nicht mehr das, was sie einmal war. Aus Richtung des Zentrallagers strahlt es so hell, dass man in manchen Straßenzügen auf das Einschalten des Flurlichts verzichten kann. Lichtverschmutzung nennt man das andernorts. In Malchow spricht man lieber von Standortvorteil.
Wer heute Nacht das Feuerwerk sehen will, sollte es halt nicht aus der Bahnhofstraße versuchen.
Das Jahr endet. Ein neues beginnt. Und irgendwo heißt es wieder:
The same procedure as every year.
Ihr hört von mir…
Euer Klingelschröder